Fitnesszuchtwerte: Was sagen die Züchter?

Lesen Sie, welche Maßnahmen unsere Züchter setzen, um die Fitness ihrer Kühe zu verbessern und von welchem Merkmal sie es sich wünschen, dass es züchterisch verstärkt bearbeitet werden soll.

Josef Misslinger Hopfgarten, Tirol
57,3 Kühe, 8.558 – 4,57 – 3,50 – 706
Heubetrieb mit Alpung und Käseproduktion

Für mich sind fast alle Fitnessmerkmale gleichzusetzen, denn Fruchtbarkeit, Kalbe- verlauf, Persistenz, Zellgehalt und Melkbarkeit sollten alle bei der Auswahl der Stiere berücksichtigt werden. Aber einzelne Kompromisse muss man sowieso immer wieder machen.
Voraussetzung für eine vitale Kuh sind im Grunde mehrere Faktoren, neben den Fitnessmerkmalen spielen hier vor allem die Haltung, Fütterung und wohl das Wichtigste, das Betriebsmanagement, große Rollen.
Neben einem gezielten Stiereinsatz, müssen alle meine Tiere von Geburt an auf die Alm. Von klein an werden alle natürlichen Instinkte geschult, und es muss sich jedes Tier bewegen, um satt zu werden, auch wenn man hier Leistungseinbrüche hat, doch die Tiere werden älter und sind robuster. Bei mir wird ein Großteil der Tiere bis zum dritten Kalb selbst genutzt und dann auf der Versteigerung in Rotholz zu einem guten Preis verkauft. Hier sind die Kühe gerade auf ihrem Höhepunkt, noch immer voll fit und erlösen sehr gute Preise.
Seit einem Jahr sind meine Milchkühe im Laufstall und seit drei Jahren die Jungtiere. Ich habe, was Fitness betrifft, nur positive Eindrücke gewonnen, sie bewegen sich mehr und die hinteren Gliedmaßen, welche früher bei mir im Anbindestall das Hauptproblem waren, machen mir überhaupt keine Sorgen mehr.
Das Merkmal, das in der Zucht am meisten bearbeitet werden soll, ist für mich als Milchproduzent wohl der Zellzahlwert. Er wird in Zukunft das wichtigste von allen Merkmalen sein. Es tut nichts mehr weh, als wenn die Milchabrechnung wegen eines zu hohen Zellgehalts gekürzt wird.



Ing. Auernig Sebastian, Obmann des Kärntner Rinderzuchtverbandes
19,8 Kühe, 8.799 – 4,38 – 3,40 – 685

Der wohl wichtigste Aspekt im Bereich der Fitness ist das Merkmal der leistungsunab- hängigen Nutzungsdauer. Das Problem dabei ist, dass zuverlässige Zuchtwerte erst relativ spät erreicht werden.
Für die Zukunft wäre es wichtig, dass wir die Zuchtwerte für die Nutzungsdauer mit bestimmten Exterieurzuchtwerten stärker kombinieren bzw. ergänzen könnten.
Im Management ist es neben der bedarfsgerechten Nährstoffversorgung vor allem die Zuchtarbeit im Allgemeinen und die Selektion im Besonderen für die Fitness wichtig. Ebenso ist es enorm wichtig, ein gutes Fruchtbarkeitsmanagement zu haben. Nicht zu vergessen sind natürlich alle Maßnahmen, die in den Bereich des „Kuhkomforts“ fallen.
Wir sind ständig bemüht, für unsere Kühe optimale Haltungsbedingungen zu gestalten. Außerdem nehmen wir bei der Wahl der Besamungsstiere die einzelnen Fitnessmerkmale besonders unter die Lupe.
Wir wollen in Zukunft Jungkühen, die ein gutes Exterieur haben, deren Einsatzleistungen aber nicht so hoch sind, eine zweite Chance geben. Sie sollen die Möglichkeit haben, ihr Entwicklungspotential zu entfalten und nicht voreilig ausgeschieden werden. Diese Kühe müssen sich allerdings durch eine steigende Leistung in der zweiten Laktation beweisen.  

Sommersguter Franz, Wenigzell, Steiermark
35,8 Kühe  9.112 – 4,40 – 3,53 – 722

Fitness ist ein Kriterium, das den wirtschaftlichen Erfolg eines Rinderzuchtbetriebes maßgeblich beeinflusst. Das Ziel ist eine fruchtbare, in der Einsatzleistung nicht übermäßige, dafür mit einem hohen Durchhaltevermögen ausgestattete Kuh, die in der Lage ist, ihre Leistung über viele Laktationen zu erbringen. Kühe mit übermäßigen Einsatzleistungen und schlechter Persistenz machen bei TMR – Fütterung eher Probleme als Kühe mit gutem Durchhaltevermögen (durch Verfettung am Ende der Laktation).
Für mich hat im Fitnessbereich die Zellzahl eine große Bedeutung. Was helfen viel Milch und das schönste Euter, wenn das Euter nicht gesund ist. Hier haben wir auf unserem Betrieb bei etlichen Kühen, vor allem bei jenen, die auf die REDAD – Linie zurückgehen, Probleme. Diese Kühe sind anfälliger in Stresssituationen (z.B. Hitze).
Wir versuchen auf unserem Betrieb durch gezielte Anpaarung in punkto Zellzahl, die Situation zu verbessern. Dieses Fitness – Merkmal sollte in der Zucht vermehrt Beachtung finden.

Mair Josef, Waizenkirchen, OÖ, FIH
31,6 Kühe  9.670 – 4,22 – 3,65 – 761

Ziel der Züchtung in meinem Betrieb ist das Erreichen einer problemlosen Kuh, mit einer ent- sprechend hohen Lebensleistung. Gerade die wirtschaftliche Kuh wird wegen steigender Produktionskosten (Futter, Energie, Tierarzt) mehr an Bedeutung gewinnen. In Zukunft sind nicht mehr die hohen Absolutleistungen vorrangig, sondern Tiere, die die Milchleistung ohne hohen zusätzlichen Aufwand (Behandlungs-, Besamungs- und Tierarztkosten) erbringen.
Speziell auf die Fitnessmerkmale Fruchtbarkeit und Zellzahl wird in meinem Betrieb geachtet. Gerade die Fruchtbarkeit ist die Basis für eine langlebige Kuh und der damit verbundenen niedrigen Remontierungsrate, welche die notwendige Bestandsergänzung verringert. Fitnessmerkmale, wie Kalbeverlauf und Melkbarkeit sollten nicht überbewertet werden, da Extreme in beide Richtungen (hohe Melkbarkeit - schlechte Zellzahlwerte) Probleme verursachen. Aber auch Exterieurwerte wie Euter und Fundament haben einen hohen Einfluss auf die Fitness einer Kuh. Optimal aufgehängte Euter sind der Garant für sauberes  und damit „gesünderes“ Melken.

Christian Radler, Gramastetten, OÖ, RZO
22,9 Kühe  11.895 – 4,43 –  3,48 – 940

Dem Fitnessmerkmal, dem meiner Meinung nach in Zukunft mehr Augenmerk geschenkt werden soll, ist die Zellzahl in Verbindung mit der Melkbarkeit. Ich sehe das ganze als eine Kettenreaktion: Zu hohe Melkbarkeit (jenseits von 3 l/min) führt  zum Ausrinnen der Milch und zu hoher Zellzahl und schließlich zum Abgang der Kuh und somit zu geringer Lebensleistung! Durch das Milchausrinnen im Laufstall werden die Bakterien von einer Liegefläche in die nächste übertragen und somit ist die nächste Euterentzündung vorprogrammiert.
In diesem Fall ist ein gutes Management Voraussetzung: Vor Besamung MBK und ZZ des Stieres und der Kuh vergleichen und Euterkontrolle nach dem Melken, damit keine Restmilch im Euter bleibt. Ich halte von automatischer Abnahme nicht viel, weil dadurch das Euter nach dem Melken nicht oder zu wenig kontrolliert wird.                              
Da ich in meinem Betrieb auch RH-Stiere einsetze, muss ich mich mit MBK und ZZ verstärkt auseinandersetzen. (MBK von 1,90 bis 2,50 l/min und ZZ von max. 120.000 wären mein Ziel).
Nur so können wir in Zukunft die Nutzungsdauer erhöhen und dadurch hohe Lebensleistungen erwarten!
Ich persönlich finde es schade, dass bei älteren Kühen der Zuchtwert allgemein sinkt. Wenn  in Zukunft auf hohe Lebensleistung Wert gelegt wird, dann sollte auch beim Teststierkauf auf Lebensleistung und Exterieur der Mutter und nicht immer nur auf den MW und GZW in erster Linie geschaut werden. Der Stier, bei dem Fitness und Exterieur passen, ist meiner Meinung nach der Stier RAU!

Christian Nadlinger, Euratsfeld, NÖ
53,6 Kühe  9.631 – 4,02 – 3,55 – 729

Um gegenüber anderen Rassen konkurrenzfähig zu bleiben und keinen Vergleich zu scheuen, war die starke Berücksichtigung der Milchleistungsmerkmale von entscheidender Bedeutung. Das erzielte Niveau, das meine Kühe realisieren, ist für den Betrieb ausreichend. Nutzungsdauer und Fitness sind im neuen Jahrtausend zu den Schlagwörtern in der Zucht geworden. Das Ziel jeder Anpaarung soll eine über viele Jahre hindurch leistungsbereite und problemlose Kuh sein, die den betrieblichen Anforderungen gerecht wird. Denn neben dem wirtschaftlich wichtigen Merkmal Milchleistung ist die Funktionalität der Milchkühe von grundlegender Bedeutung. Vor allem bedeutet eine problemlose Kuh auch ein mehr an Lebensqualität! Ich mache mir auch Gedanken, welcher Typ Kuh am besten in meinem System mit Laufstall und TMR zu recht kommt. Das Merkmal, das bei jeder Anpaarung in seiner Wichtigkeit ganz oben angesiedelt ist, ist das Fundament. Denn eine 50 l Kuh, die nicht den Weg zum Melkstand schafft, hilft mir beim monatlichen Milchgeld nichts. Außerdem sollte man den Rahmen als Optimum-Merkmal betrachten und sich nicht an Ausstellungen orientieren, wo meist die „Riesen“ nach vorne gereiht werden. Wesentlich ist für mich, die Milchleistung bei den zukünftigen Rahmenbedingungen nicht weiter zu steigern, sondern die Milchsicherheit der Fleckviehkühe zu steigern!