Fleckvieh in Österreich vor einem halben Jahrhundert

Das derzeit erreichte Potential der Welt-Zweinutzungsrasse Fleckvieh könnte bei vielen, vor allem jüngeren Züchtern, das Interesse wecken, einen Rückblick um etwa ein halbes Jahrhundert zu halten und zu erkennen, was zielbewusst arbeitende Menschen in diesem Zeitabschnitt, ein halbes Jahrhundert umfasst rund zwei Menschen- und etwa 15 Rindergenerationen, mit viel ideellem Einsatz erreicht haben.

Jetzt und vor 50 Jahren

Tabelle 1 zeigt durch die Gegenüberstellung einiger markanter Daten sehr deutlich den enormen Fortschritt der Rasse Fleckvieh auf. Durch die Verdoppelung des Anteils am gesamten Rinderbestand von 40 auf nunmehr fast 80 % katapultierte sich das Fleckvieh österreichweit an die Spitze. Auch die Leistungen verdoppelten sich in diesem Zeitraum.

Tab. 1   Vergleich einiger Daten 1956 und 2007

19562007
Anteil am gesamten Rinderbestand40 %80 %
Anteil der Künstlichen Besamung16,4 %, nur mit Frischsperma95,5 % 
Anteil an der Leistungskontrolle15,5 %72 %
Durchschnittl. Milchmenge3.424 kg6.666kg    
Durchschnittl. Fettprozent4,04 %4,16 %
Durchschnittl. Fettmenge138 kg277 kg
Durchschnittl. Eiweißprozentnicht erhoben3,40 %
Höchste LakationsleistungERNA 10.107-4,27-432ELLI 20.890-4,25-888-3,43
Beste Dauerleistung

SCHWOAGERL,19 Kälber,
51.515 kg Milch

MERI, 10 Kälber,
127.971 kg Milch

   
Für Milch und Fleisch

Vor etwa 50 Jahren wurden die für die Weiterentwicklung wesentlichen Fragen des Zuchtzieles und des Typs von kompetenten „Fleckviehleuten“, allen voran vom damaligen Tierzuchtleiter des Fleckviehzuchtverbandes Inn- und Hausruckviertel (FIH), Herrn DI Dr. Anton Pohl, neuerlich in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft der Rinderzuchtverbände (ZAR), dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft und des Tierzuchtdekanats der Universität für Bodenkultur aufgerollt und klar definiert.
Trotz der Unkenrufe einzelner Tierzuchtwissenschaftler, dass es langfristig und beständig kaum möglich sein würde, die beiden „entgegengesetzten“ Stoffwechselrichtungen Umsatz und Ansatz, das heißt Milch und Fleisch, in einer Rasse genetisch zu vereinbaren, wurde eindeutig beim Fleckvieh für die kombinierte Leistungsrichtung entschieden. Damit hat man von kompetenter Seite den für eine Zweinutzungsrasse zu jeder Zeit so wichtigen Grundstein für den Begriff Typ in allen seinen Bereichen im Zuchtziel verankert. Der Typ umfasst den Gesamteindruck eines Tieres sowie viele Details des Exterieurs, soweit es Rückschlüsse auf das Leistungsvermögen, die Langlebigkeit und die Wirtschaftlichkeit ermöglicht. Der erwünschte Typ ist keine konstante Norm, er verändert sich mit den Anforderungen der Zeit.


3 Experten – 3 Typbeschreibungen

Der Typ kann wie folgt beschrieben werden: als äußere Erscheinung, die Rückschlüsse auf den Stoffwechsel und Leistungsvermögen zulässt (nach Langlet), als Spiegel der inneren Anlagen (nach Grote) oder als zweckmäßiges, nützliches, praktisches Arbeitsgewand des Tieres (nach Pohl).


Bedeutende Stiere aus der Vergangenheit

RABATT 29000, geboren 1948, stellte sich als ausgesprochener „Kuhmacher“ von korrekten, typgerechten und leistungsfreudigen, langlebigen Töchtern mit guten, kastenförmigen Eutern heraus. Relativ viele Töchter wurden Mütter von Besamungsstieren. Seine männlichen Nachkommen traten weniger in Erscheinung.

SULTAN 31000, geboren 1949, brachte eine gut kombinierte Nachzucht, die zu einer starken Verbreitung dieser Linie führte. Besonders beachtenswert waren die Vitalität der Nachkommen sowie die sehr zufriedenstellenden Euter.

HELD 37000, geboren 1951, vererbte ziemlich einheitlich mittelrahmige, sehr edle und korrekte, tiefrumpfige Nachkommen mit drüsigen Eutern bei seinen Töchtern sowie sehr guter Bemuskelung. Diese Linie wurde sehr stark und mit gutem Erfolg in Österreich und Deutschland eingesetzt.

POLSTER 40800, geboren 1954, stammte von milchbetonten Vorfahren aus Deutschland ab und brachte sehr rumpfige, langrippige, gut kombinierte Nachkommen mit guten Euteranlagen und korrekten Formen. Diese Linie behauptete sich längere Zeit im Zuchtgeschehen.

Polzer 56800, geboren 1959, seinerzeit ein sehr berühmter Stier, reicht genetisch bis in die Jetztzeit (z. B. die Nachkommen von POSTNER). POLZER war einer der ersten Stiere, dessen Sperma durch Tiefgefrieren konserviert wurde. Seine Mutter, eine sehr milchbetonte Dauerleistungskuh, war ein Inzestprodukt, das Ergebnis einer Vater – Tochter – Paarung. Daraus leitet sich vermutlich der einerseits lange Zeit positive Zuchtwert andererseits die geringe Verträglichkeit auf Blutanschlusspaarungen ab.