Ist die Zukunft der Rinderzucht hornlos?

Die Zucht auf Hornlosigkeit beim Rind war in der Vergangenheit fast nur in der Fleischrinderzucht ein Thema. Seit einigen Jahren wird die Hornlosigkei,t insbesondere in Deutschland, auch bei der Doppelnutzungsrasse Fleckvieh zunehmend von den Züchtern verfolgt. Der Hintergrund ist die intensiver werdende Tierschutzdiskussion, die zunehmend auch die Kälberenthornung infrage stellt.

GS POLLES Pp, dei mischerbig hornloser GS PANDORA-SohnVor diesem Hintergrund setzen in Bayern seit ein paar Jahren Fleckviehzüchter immer öfter Hornlosstiere ein, um das Hornlosgen in ihrer Herde zu manifestieren, einerseits um so dem gesellschaftlichen Druck Rechnung zu tragen und andererseits um eine züchterische Nische mit Zukunftschancen zu besetzen.

Das Hornlosgen

Der Genort für die Behornung kann die Allele P (Gen für Hornlosigkeit) oder p (Gen für Hörner) tragen. Das Gen für Hornlosigkeit ist dominant über jenes für Hörner. Die meisten derzeit verfügbaren Hornlosstiere sind mischerbig hornlos (Pp) und werden somit phänotypisch hornlos geboren. Mischerbig hornlose Stiere geben an die Hälfte der Nachkommen das Hornlosgen P weiter, somit sind bei Anpaarung an eine weitestgehend reinerbig behornte Population (das ist praktisch bei Fleckvieh derzeit der Fall) die Hälfte der Nachkommen hornlos, die andere Hälfte ist behornt.
Hornlosigkeit in der Doppelnutzung wirtschaftlich?
In Milchviehbetrieben ist aufgrund der insgesamt sehr arbeits- und kostenintensiven Produktion der Vorteil, dass ein Kalb nicht enthornt werden muss, wirtschaftlich nicht vorrangig bedeutsam. Daher erscheint der Einsatz von Hornlosstieren  auch unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen Druckes nur dann gerechtfertigt, wenn trotz Hornlosigkeit kein wesentlicher Kompromiss hinsichtlich Leistung, Fitness und Exterieur gemacht werden muss. Insbesondere hinsichtlich Euterqualität, Rahmen und Fitness waren die bisher angebotenen Hornlosstiere zumeist nicht konkurrenzfähig.

Genomselektion: Chance für Hornloszucht

In letzter Zeit wurde den Fleckviehzüchtern von der Rinderzucht Steiermark der Einsatz der Hornlosstiere MUNGO PS (V: Manitoba) und IROLA Pp (V: Rotax) empfohlen. Diese beiden genomischen Jungvererber erreichten erstmals ein genetisches Niveau hinsichtlich Leistung und Exterieur, das einen Einsatz in der Doppelnutzung rechtfertigen ließ. Im Nachhinein gesehen brachte auch der nachkommengeprüfte HIPPO-Sohn HERNANDES Pp bereits ansprechende Kühe. Mit der Genomselektion eröffnet sich eine neue Dimension, weil eine viel größere Zahl genetisch hornloser Kälber genotypisiert werden kann und somit die Wahrscheinlichkeit, konkurrenzfähige hornlose Vererber zu finden, steigt. Einige bereits recht interessant erscheinende Hornlosstiere sind mittlerweile am Markt erhältlich.
(Auszug aus dem Artikel „Ist die Zukunft der Rinderzucht hornlos?“ von  DI Peter Stückler, Rinderzucht Steiermark)