Kälberaufzucht - die ersten Stunden sind entscheidend

Die Versorgung während der ersten Lebensstunden des Kalbes mit Biestmilch ist von entscheidender Bedeutung. Hier wird die Basis für eine optimale Kälberaufzucht und eine gesunde und langlebige Milchkuh gelegt. Was Biestmilch so besonders macht und worauf zu achten ist, erklärt der folgende Beitrag.

Das Erstgemelk von Säugetieren wird als Biestmilch (auch Kolostralmilch oder Kolostrum) bezeichnet. Ihre Zusammensetzung unterscheidet sich ganz wesentlich von der Milch, die während des Rests der Laktation gebildet wird (Tabelle 1). Dies liegt daran, dass die Biestmilch nicht nur die Funktion hat, das neugeborene Kalb mit Nährstoffen und Wasser zu versorgen, sondern auch für den Aufbau der Immunabwehr ganz entscheidend ist. Dazu muss man wissen, dass anders als zum Beispiel beim Menschen beim Rind keine passive Übertragung von Antikörpern zwischen Mutter und dem ungeborenen Nachwuchs über die Plazenta erfolgen kann. Deshalb kommt beim Kalb der passiven Immunisierung über die Biestmilch eine entscheidende Rolle zu. Der vielfach erhöhte Eiweißgehalt der Biestmilch ist auf ihren hohen Gehalt an Antikörpern, sogenannten Immunglobulinen, zurückzuführen. Diese Immunglobuline enthalten für das Immunsystem des Kalbes wichtige Informationen zur Abwehr der stallspezifischen Keime. Ohne diese Informationen würde die Immunabwehr des Kalbes beim ersten Kontakt mit Keimen zu lange brauchen, um diese wirksam zu bekämpfen.

Tabelle 1: Zusammensetzung von Kuhmilch (in %, nach Weiß et al. 2013)
Zusammensetzung von Kuhmilch (in %, nach Weiß et al. 2013)

Rasche ausreichende Biestmilchaufnahme entscheidend!
Die Immunglobuline reichern sich während der Trockenstehzeit im Euter an und werden mit der ersten Milch abgegeben. Die Konzentration in der Milch ist demnach beim Erstgemelk direkt nach der Abkalbung am höchsten und nimmt danach rapide ab. Bereits 24 Stunden nach der Abkalbung findet man nur noch 25 Prozent der Ausgangskonzentration in der Milch.

Die über die Biestmilch angelieferten Antikörper werden im Dünndarm des Kalbes durch die Darmwand aufgenommen. Die Durchlässigkeit der Darmwand für diese großen Eiweißmoleküle nimmt allerdings innerhalb der ersten 24 Stunden ebenfalls rasch ab. Danach können die Immunglobuline die Darmwand nicht mehr passieren und zur passiven Immunisierung beitragen. Daraus ergibt sich auch die Empfehlung, die Kuh direkt nach der Abkalbung für die Versorgung des Kalbes zu melken. Dabei ist höchste Sauberkeit geboten, um die Keimbelastung über die Biestmilch für das noch ungeschützte Kalb so gering wie möglich zu halten. Ideal wäre es, wenn das Kalb innerhalb der ersten 24 Stunden 10-15 Prozent des Körpergewichtes an Biestmilch aufnimmt.

(Auszug aus dem Artikel „Kälberaufzucht - die ersten Stunden sind entscheidend" von Dr. Marco Horn, BEd, LK NÖ; Fleckvieh Austria Magazin 1/19)