Mortellaro hat viele Gesichter

Die Mortellaro-Krankheit („Erdbeerkrankheit“, Dermatitis digitalis = DD) stellt eine infektiöse Haut-Erkrankung des Rindes dar und tritt üblicherweise als geschwürartige, schmerzhafte lokale Infektion der Haut über dem Klauenschuh und im Zwischenklauenspalt auf.

Neben dieser klassischen Form der Mortellaro-Krankheit an der Klauenhaut treten in Herden mit bereits seit längerem bestehender Mortellaro-Infektion vermehrt die schwerwiegenderen Erscheinungsformen der mortellaroinfizierten („nicht-heilenden“) Klauenhorndefekte auf.

Die Mortellaro-Krankheit stellt heute in vielen österreichischen Milchviehbetrieben die wichtigste Lahmheitsursache dar und tritt vor allem bei Kühen in Laufstallhaltung, aber auch in Anbindehaltung und bei Mutterkühen auf. Derzeit kann man davon ausgehen, dass ca. 30 Prozent und mehr aller Milchviehherden in Österreich mit Mortellaro infiziert sind. Die aufgrund der schmerzhaften akuten Hautentzündung entstehenden wirtschaftlichen Verluste infolge verminderter Milchleistung, Fruchtbarkeitsstörungen sowie dem umfangreichen Zeit- und Behandlungsaufwand werden mit mindestens 110 € pro Kuh und Jahr beziffert. Mortellarofreie Herden werden vor allem durch zugekaufte Rinder infiziert, aber auch mangelnde überbetriebliche Personal- und Werkzeughygiene (Biosecurity) stellt ein hohes Infektionsrisiko dar.

Begünstigende Faktoren
DD ist eine Faktorenkrankheit, bei welcher spezifische anaerobe „Schrauben“-Bakterien (Treponema spp.) letztlich das Krankheitsbild auslösen. Damit sich die Infektion überhaupt entwickeln kann, muss die Haut zuvor massiv vorgeschädigt werden, so dass die Bakterien durch die Haut eindringen können. Vor allem der ständige Kontakt der Klauenhaut mit Kot-Harn-Gemisch führt zur Aufweichung der Haut (Verkotung der Klauen, des Unterfußes), die äußere Hornschicht der Haut wird dünner und rissig. Einen weiteren Faktor für das Aufflackern von DD stellt die verminderte körpereigene Immunabwehr dar, verursacht durch Stressfaktoren (z. B. Überbelegung, schlechte Futter-(Silage)-qualitäten, Umstellungen der Kalbinnen, Hitzestress …).

In aktuellen Studien wurde eine unterschiedliche genetisch bedingte Anfälligkeit für DD bei Rindern beschrieben: Typ-1-Tiere haben nie Mortellaro, Typ-2-Tiere haben nur selten schmerzhafte DD-Läsionen und Typ-3-Tiere haben häufig wiederkehrende akute Läsionen im drei bis sechs Wochen Rhythmus. Diese drei Typen sollte man in einer mit DD infizierten Herde feststellen, um die Risikogruppe (Typ 3) genau zu identifizieren und somit Behandlungs- und Vorbeugemaßnahmen besser steuern zu können.

Erscheinungsbilder
Die Mortellaro-Läsionen treten vorzugsweise an der behaarten Haut unmittelbar über dem Horn des Weichballens bzw. an der Grenze Weichballen/Haut im Bereich der Mittellinie an der Hinter- und Vorderseite der Klauen sowie an der Haut des Zwischenklauenspaltes, rund um die Afterklauen auf sowie an offenen Lederhautdefekten bei Sohlengeschwüren und Weiße-Linie-Erkrankungen.
Man unterscheidet folgende Erscheinungsformen:
M1-(Früh-)Stadium beschreibt eine kleine rötliche frühe Läsion mit einem Durchmesser < 2 cm. Diese ist meist nicht schmerzhaft. Aufgrund der geringen Größe wird sie leicht übersehen.
M2-Stadium bezeichnet die typische akute, geschwürartige, schmerzhafte und rötliche Läsion („erdbeerartig“) mit einem Durchmesser ≥ 2 cm. Da die Klauen meist verschmutzt und die Läsionen mit einem grau-braunen, typisch faulig riechenden Schmutzfilm bedeckt sind, ist eine gründliche Reinigung mit Wasser für deren Erkennung unbedingt notwendig.

(Auszug aus dem Artikel „Eine hartnäckige Klauenkrankheit mit vielen Gesichtern – die Mortellaro-Krankheit beim Rind" von Johann Kofler, Prof. Dr. Dip ECBHM, Universitätsklinik für Wiederkäuer, Veterinärmedizinische Universität Wien; Fleckvieh Austria Magazin 1/20)