Niedrigeres Erstabkalbealter – Auswirkung in der Kalbinnenaufzucht

Neben den Futterkosten stellt die Bestandesergänzung den zweitgrößten Kostenfaktor in der Milchwirtschaft dar. Auf der Basis von Direktkosten belastet die Bestandesergänzung (bei einer effektiven Nutzungsdauer von 2,81 Jahren) jeden produzierten Liter Milch mit 6,8 Cent, wobei die Anzahl an Aufzuchttieren zum einen von der Nutzungsdauer und zum anderen vom Erstabkalbealter abhängt.

In Österreich liegt das durchschnittliche Abgangsalter einer Milchkuh bei 5,2 Jahren mit einem Erstabkalbealter von 28,7 Monaten (2,39 Jahre), was zu einer effektiven Nutzungsdauer von 2,81 Jahren führt. Bei durchschnittlichen Aufzuchtverlusten von 10 Prozent ergibt dies eine erforderliche Anzahl an weiblichen Aufzuchtkälbern von 94 Prozent der Kuhanzahl (Tabelle 1). Das bedeutet, ein Betrieb mit 50 Milchkühen muss zeitgleich 47 weibliche Tiere aufziehen, um die Herdengröße zu erhalten.

Berechnung Erforderlicher Anteil an Aufzuchttieren

Tabelle 1: Erforderliche Anzahl an weiblichen Aufzuchtkälbern in Abhängigkeit von Laktationszahl und Erstabkalbealter (% der Kuhanzahl)
Tabelle 1: Erforderliche Anzahl an weiblichen Aufzuchtkälbern in Abhängigkeit von Laktationszahl und Erstabkalbealter (% der Kuhanzahl)
Daraus geht klar hervor, dass im Herabsetzen des Erstabkalbealters bzw. in einer Verlängerung der effektiven Nutzungsdauer ein großes Einsparungspotenzial in der Milchwirtschaft liegt.
Allerdings ist der Zeitpunkt der ersten Besamung weniger eine Frage des Alters als vielmehr der physiologischen Reife (Lebendmasse und Körpergröße), was demnach eine intensivere Aufzucht für ein Herabsetzen des Erstabkalbealters nötig macht. Um herauszufinden, wie sich unterschiedliche Aufzuchtintensitäten auf die Lebendmasse- bzw. Körpergrößen-Entwicklung und – daraus folgend – auf das Erstabkalbealter auswirken, wurde von der HBFLA Raumberg-Gumpenstein gemeinsam mit 16 österreichischen landwirtschaftlichen Fachschulen bzw. Höheren Lehranstalten in deren Lehrbetrieben ein Praxisversuch durchgeführt. Weitere Auswirkungen auf die spätere Milchleistung und Nutzungsdauer werden im zweiten Teil „Einfluss von Tränke-Intensität und Erstabkalbealter auf die spätere Milchleistung und Nutzungsdauer der Kühe“ erläutert (Fleckvieh 2019 Ausgabe 4).

16 Praxisbetriebe, 6 Rassen, 2 Tränke-Verfahren, 2 Aufzucht-Intensitäten
Im Versuch befanden sich 171 weibliche Kälber, aufgeteilt auf die Rassen Fleckvieh, Holstein Friesian, Red Holstein, Brown Swiss, Original Braunvieh und Pinzgauer, verteilt über ganz Österreich. Unmittelbar nach der Geburt der Kälber erfolgte deren Zuteilung in die Versuchsgruppen. Die Hälfte der Kälber eines jeden Betriebes wurde intensiver aufgezogen, um ein Erstabkalbealter von 24 Monaten (EKA 24) zu erreichen, wohingegen die zweite Gruppe erst mit 28 Monaten (EKA 28) zur ersten Abkalbung kommen sollte. Weiters wurden unterschiedliche Tränke-Intensitäten (8- bzw. 12-wöchige Tränkedauer – „Milch 08“ bzw. „Milch 12“) sowohl in der Gruppe EKA 24 als auch in der Gruppe EKA 28 vorgegeben.
(Auszug aus dem Artikel „Wie wirkt sich ein niedrigeres Erstabkalbealter in der Kalbinnenaufzucht aus?" von DI Stefanie Kiendler und Univ.-Doz. Dr. Leonhard Gruber, Institut für Nutztierforschung der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein; Fleckvieh Austria Magazin 3/19)