Unter dem Motto „From Mendel to Genom“ war Tschechien erstmals Gastgeber des Fleckvieh-Weltkongresses. Rund 100 Teilnehmer aus 21 Nationen folgten der Einladung des tschechischen Fleckviehzuchtverbandes. Betriebsbesichtigungen, Fachvorträge und eine nationale Fleckviehschau boten aufschlussreiche Einblicke in die tschechische Landwirtschaft und Fleckviehzucht.
Teilnehmer aus 21 Nationen besuchten den Kongress in Tschechien
Land der großen Betriebe
Unser Nachbarland Tschechien zählt 10,9 Millionen Einwohner. Während der kommunistischen Zeit wurden Flächen und Betriebe zu großen Einheiten zusammengeführt. Diese Strukturen wirken bis heute nach. Mit durchschnittlich 130 ha Betriebsgröße weist Tschechien die größten Betriebsstrukturen innerhalb der EU auf (EU-Durchschnitt: 17 ha). Mehr als 70 % der Nutzfläche werden von Betrieben mit über 1.000 ha bewirtschaftet.
Auch in der Milchviehhaltung dominieren große Einheiten. Rund 87 % der Milchkühe stehen in Betrieben mit mehr als 200 Kühen. Von 343.000 Milchkühen unter Milchleistungskontrolle entfallen 60 % auf Holstein und 38 % auf Fleckvieh. 12 % der Milchkühe werden mit automatischen Melksystemen gemolken, 16 % der Betriebe wirtschaften biologisch. Mit einem Selbstversorgungsgrad von 134 % bei Milch und über 120 % bei Rindfleisch produziert Tschechien deutlich über den Eigenbedarf hinaus.
Fleckvieh und Genomik
Der tschechische Fleckviehzuchtverband betreut rund 114.500 Herdebuchkühe in 445 Betrieben mit durchschnittlich 257 Kühen. Die Milchleistung beträgt 8.634 kg bei einer Zwischenkalbezeit von 384 Tagen. 23 % der Kühe leisten 11.000 kg Milch und mehr. Ein Schwerpunkt der Verbandsarbeit liegt auf der Herdentypisierung. Mehr als die Hälfte der weiblichen Fleckviehpopulation in Tschechien ist bereits genotypisiert. Damit liegt die Typisierungsquote deutlich über jener in Deutschland und Österreich.
Die österreichische Delegation (nicht am Bild: Ing. Richard Pichler)
Starker Auftritt auf der Nationalschau
Den Auftakt des Fachprogramms bildete die Stierparade der Besamungsstation IMPULS mit 16 exterieurstarken Fleckviehstieren.
Ein züchterischer Höhepunkt war die nationale Fleckviehschau in Radešínská Svratka mit rund 120 Schaukühen aus 40 Betrieben. Als Preisrichter fungierten Daniele Vicario aus Italien und Johan Kluyts aus Südafrika.
Bei den Jungkühen siegte eine bestens kombinierte ZELDA-Tochter. Eine euterstarke UPOLI-Tochter gewann bei den Zweitkalbskühen und wurde auch Gesamteutersiegerin. In der mittleren Altersklasse überzeugte eine balancierte HERMELIN-Tochter, bei den reiferen Kühen eine elegante, euterstarke WALOT-Tochter die Preisrichter am meisten. Insgesamt beeindruckten die Schaukühe mit Körperkapazität und hoher Leistungsbereitschaft.
Weltpräsident Ing. Sebastian Auernig überreicht den Ehrenpreis für die Eutersiegerin der Nationalschau (V: Upoli)
Champion der Junkühe (V: Zelda), Foto: Penn
Fleckviehzucht in der Praxis
Vier Betriebsbesichtigungen zeigten die Leistungsfähigkeit der tschechischen Fleckviehzucht. DVP Pyšel bewirtschaftet 780 ha und hält 330 Fleckviehkühe mit 9.300 kg Milchleistung. Der züchterisch erfolgreiche Betrieb investierte stark in Automatisierung.
VOD Kamen bewirtschaftet 1.750 ha und hält 650 Fleckviehkühe mit 9.200 kg Milchleistung sowie 250 Maststiere. Der vom Obmann des tschechischen Fleckviehzuchtverbandes, Marian Bílý, geführte Betrieb kann auf zahlreiche Ausstellungserfolge verweisen und hat seit Einführung der Genomik knapp 2.500 Tiere genotypisiert.
Ing. Sebastian Auernig gratuliert im Namen der WSFF dem Betrieb VOD Kamen
AGRO Liboměřice bewirtschaftet 1.900 ha und produziert mit 750 Fleckviehkühen, gemolken in einem Melkkarussell, jährlich rund 6,5 Millionen Liter Milch. Seit Einführung der Genomik wurden rund 2.300 Tiere genotypisiert.
Der Betrieb ZDERAZ bewirtschaftet ebenfalls 1.900 ha und hält rund 550 Milchkühe sowie 300 Maststiere. Besonders beeindruckten die Milchleistung von über 10.200 kg im Herdenschnitt und die hervorragende Exterieurqualität der Kühe.
Die besuchten Betriebe demonstrierten eindrucksvoll die Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit von Fleckvieh als Doppelnutzungsrasse auch in sehr großen Betriebsstrukturen.
Von Mendel zur Genomik
Die Mendel-Universität in Brünn bildete den Rahmen für die Fachvorträge im Rahmen der Generalversammlung der Weltvereinigung. Dr. Josef Kučera beleuchtete die tschechische Landwirtschaft, Pavel Král die Entwicklung der Fleckviehzucht. Dr. Hermann Schwarzenbacher aus Österreich referierte über die Möglichkeiten der Genomik im Umgang mit Erbfehlern, genetischen Besonderheiten und Hornlosigkeit. Gerben de Jong aus den Niederlanden brachte neue Erkenntnisse über die Nutzung von Melkroboterdaten für die Zucht. Daniel Espinosa aus Kolumbien, Bruce Holmquist aus Kanada und Dr. Wade Shafer aus den USA beleuchteten den Einsatz von Fleckvieh in Mutterkuhhaltung und Kreuzung.
Dr. Hermann Schwarzenbacher von der ZuchtData referierte in Brünn
Wechsel an der Spitze der Weltvereinigung
Im Mittelpunkt der Generalversammlung stand die Neuwahl des Präsidiums. Nach vier Jahren als Weltpräsident verzichtete Ing. Sebastian Auernig auf eine neuerliche Kandidatur. In seiner Amtszeit vertrat er die Interessen der internationalen Fleckviehzucht mit großem Engagement und prägte die Zusammenarbeit der Mitgliedsländer wesentlich mit.
Zum neuen Präsidenten wurde Peter Wenn aus Australien gewählt. Daniel Espinosa aus Kolumbien bleibt Vizepräsident. Den bisher von Ing. Sebastian Auernig eingenommenen österreichischen Sitz im Präsidium übernimmt Ing. Reinhard Pfleger als neuer Vizepräsident. Damit bleibt Österreich in der Führung der Weltvereinigung vertreten und kann die internationale Weiterentwicklung der Rasse aktiv mitgestalten. Der nächste Weltkongress soll im September 2028 in Rumänien stattfinden.
Ing. Sebastian Auernig übergibt die österreichische Vertretung in der Welt-Fleckvieh-Vereinigung an Ing. Reinhard Pfleger
Das neu gewählte Präsidium der Welt-Simmental-Fleckviehvereinigung
v.l.n.r.: Daniel Espinosa, Kolumbien (Vizepräsident), Peter Wenn, Australien (Präsident), Lucie Vymazalova, Tschechien (Sekretariat), Ing. Reinhard Pfleger, Österreich (Vizepräsident)
Fleckvieh verbindet
Tschechien präsentierte sich als professionell agierendes Fleckviehland mit großstrukturierten Betrieben auf hohem Produktionsniveau. Die Qualität der tschechischen Fleckviehgenetik hat sich in den vergangenen Jahren beeindruckend weiterentwickelt. Bemerkenswert sind die konsequente Umsetzung des Zuchtprogramms und die intensive Nutzung der Genomik in den Großbetrieben.
Aufgabe der Welt-Simmental-Fleckvieh-Vereinigung ist es, die Rasse über Ländergrenzen und unterschiedliche Nutzungsrichtungen hinweg weiterzuentwickeln. Der Weltkongress bot beste Voraussetzungen, voneinander zu lernen, gemeinsame Interessen zu vertreten und die Stärken der Doppelnutzung mit Fleckvieh international noch sichtbarer zu machen.
Im Namen der österreichischen Delegation gilt den tschechischen Gastgebern rund um Dr. Josef Kucera und Pavel Kral Respekt und Dank für die hervorragende Organisation des Weltkongress.
Fleckvieh Austria bedankt sich beim Tschechischen Fleckviehzuchtverband für die Ausrichtung des Kongresses mit einer Ehrenglocke
Autor: Ing. Reinhard Pfleger, Geschäftsführer Fleckvieh Austria















