Sieben Top-Stiere und klare Worte

Züchterinterview Schürer-Hammon GbR, Deutschland

Ein Blick auf die Topliste der töchtergeprüften Fleckviehstiere nach der Dezember-Zuchtwertschätzung zeigt Erstaunliches: Sage und schreibe sieben der Top 32 der Rasse stammen aus der Zuchtstätte Schürer-Hammon. Das ist in der Geschichte der Fleckviehzucht eine bislang einmalige Konstellation.
Der Betrieb Schürer-Hammon GbR liegt in Oettingen im Landkreis Donau-Ries im Norden von Bayern und wird als Gesellschaft bürgerlichen Rechts von Rainer Schürer und Holger Hammon geführt. Im Gespräch mit Fleckvieh Austria gibt Rainer Schürer Einblicke in die Hintergründe dieses Erfolgs, spricht über den Alltag in einem großen Milchviehbetrieb und äußert seine Meinung zu aktuellen Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Fleckviehzucht.

Rainer Schürer-Hammon

Rainer Schürer-Hammon

Rainer, zuerst einmal herzliche Gratulation und Respekt – sieben von euch gezüchtete Stiere liegen aktuell unter den Top 32 der töchtergeprüften der Rasse Fleckvieh. Dazu eine einfache Frage zum Einstieg: Wie geht das und was ist euer Erfolgsrezept?

Wir selektieren weibliche und männliche Tiere überwiegend nach dem Gesamtzuchtwert und weiteren für uns relevanten Merkmalen aus und haben dabei stets im Blick, wie die Erwartungszuchtwerte der Nachkommen aussehen. Unser Ziel sind Bullen, die wirtschaftliche und problemlose Kühe hervorbringen. Dazu gehört in erster Linie eine gute Milch- und Fitnessvererbung.

Worauf achtest du bei der Stierauswahl?

Bei der Auswahl der Bullen ist für mich die Milchleistung entscheidend. Ich verwende daher ausschließlich Bullen, die mindestens +1.000 Kilogramm Milch oder mehr vererben. Wenn wir über zwei Jahre hinweg in die Aufzucht einer Kalbin investieren, müssen sich diese Kosten rasch amortisieren. Leistung muss von Beginn an da sein.

Du führst einen Betrieb mit rund 250 Milchkühen und Fremdarbeitskräften. Wie sieht eure Zuchtphilosophie vor diesem Hintergrund aus?

Die Kühe müssen möglichst einheitlich sein, damit Arbeitsabläufe nach „Schema F“ funktionieren. Dafür sind ein leichter Kalbeverlauf, ein gutes Melkverhalten und vitale Kälber mit gutem Saugreflex entscheidend. Auch das Exterieur – insbesondere Euter, Fundament und Rahmen – soll funktionell sein, um die tägliche Arbeit zu erleichtern. Die Zitzen müssen lang genug sein, der hintere Strichabstand darf nicht zu eng werden und die vorderen Striche sollen weder zu weit außen noch nach außen gerichtet sein. Außerdem wird die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten, immer wichtiger. Diese gilt es zu verbessern – ohne dass die Milchsicherheit darunter leidet.

Was ist aus deiner Sicht in der Fleckviehzucht in den letzten Jahren gut gelaufen und was weniger?

In der Leistungssicherheit der Tiere wurde in den letzten Jahren Zuchtfortschritt erzielt. Gleichzeitig beobachte ich jedoch, dass die Einheitlichkeit innerhalb der Herden zunehmend verlorengeht. Besonders deutlich zeigt sich das in der Euterqualität – hier gibt es eine große Streuung mit teils klaren Ausreißern nach unten, die aus meiner Sicht mit dem zu intensiven Einsatz hornloser Genetik zusammenhängt.

WARLOCK (V: Weissensee)

WARLOCK (Weissensee x Hugoboss) – stark in Milchmenge, Fitness und Euter, Foto: Sasakova

L 1349 (Wintertraum x Waban), die Mutter der HEISS-Söhne HAFEN und HELONG

L 1349 (Wintertraum x Waban), die Mutter der HEISS-Söhne HAFEN und HELONG, Foto: Nolli

Wo siehst du in der Entwicklung der Fleckviehzucht weiteres Korrekturpotenzial?

Meiner Meinung nach sollte man auch beim Fleckvieh verstärkt mit gesextem Sperma arbeiten, um den Zuchtfortschritt zu beschleunigen. Genetisch schwächere Tiere sollten ausschließlich mit männlich gesextem Sperma belegt werden. Ich fände beim Fleckvieh – neben der aktuellen Zuchtrichtung „Doppelnutzung“ – auch eine Differenzierung in „Fleckvieh-Milch“ und „Fleckvieh-Fleisch“ mit jeweils eigenen Zuchtwerten interessant. Das würde den Einsatz von gesextem Sperma wirtschaftlich erst richtig interessant machen. Denn bei weiblichen Kälbern spiegelt die aktuelle Gewichtung von Milch und Fleisch im GZW die tatsächliche Wirtschaftlichkeit nicht wider. Wichtig wäre auch eine verstärkte Zucht auf Persistenz, also auf Kühe, die freiwillig länger mit hoher Milchleistung genutzt werden können. Fleckvieh-Fleischbullen sollten ausschließ- lich zur Produktion von männlich gesextem Sperma eingesetzt werden. Hier sind die Merkmale Trächtigkeitsdauer und Kalbeverlauf paternal entscheidend. Ich denke, dass auch das Merkmal Fleischqualität künftig an Bedeutung gewinnen wird – insbesondere im Hinblick auf die zunehmende weltweite Konkurrenz durch „Beef-on-Dairy“.

Gibt es aus deiner Sicht weitere Merkmale, die künftig in der Zuchtausrichtung stärker berücksichtigt werden sollten?

Das Saugverhalten bei Fleckviehkälbern. Dieses ist aus meiner Erfahrung als gemischtrassig geführter Betrieb aktuell deutlich schlechter als bei Holsteinkälbern oder „Beef-on-Dairy“-Kreuzungen und wird noch nicht züchterisch bearbeitet. Generell sollten alle Eutermerkmale, die für das Funktionieren der Kuh am Roboter und im Melkstand wichtig sind, stärker beachtet werden.

Gibt es noch eine abschließende Botschaft, die du an die Verantwortungsträger in der Fleckviehzucht richten möchtest?

Mir fällt auf, dass sich die Fleckviehzucht in Bayern in den letzten Jahren zunehmend auf einen kleinen, elitären Kreis reduziert. Ich beobachte mit Sorge, dass sich viele Betriebe zu wenig mit der Zucht identifizieren. Das beginnt bereits bei der Auswahl der Besamungsbullen: Häufig wird einseitig nach dem GZW und dem Merkmal Hornlosigkeit selektiert, ohne das gesamte Vererbungsbild eines Stieres – also Leistungssicherheit und Exterieurqualität – ausreichend zu berücksichtigen. Meiner Meinung nach hat hier die staatliche Zuchtberatung in den letzten Jahren zu wenig richtige Impulse gesetzt. Künftig ist sie gefordert, die Betriebe wieder stärker auf profitable Anpaarungen zu fokussieren. Ich persönlich sehe den starken Trend hin zur hornlosen Genetik als Gefahr für die Entwicklung der Rasse. Vor allem bei Leistungssicherheit und Euterqualität geht die Fleckviehzucht damit meiner Meinung nach in eine falsche Richtung. Gerade diese Eigenschaften sind im nationalen und internationalen Wettbewerb mit Holstein entscheidend dafür, dass Fleckvieh in gro- ßen Milchviehbetrieben konkurrenzfähig bleibt.

Sieben der aktuellen Top 32 der töchtergeprüften Stiere stammen aus der Zuchtstätte Schürer-Hammon

Sieben der aktuellen Top 32 der töchtergeprüften Stiere stammen aus der Zuchtstätte Schürer-Hammon

Betriebsspiegel

(Artikel „Sieben Top-Stiere und klare Worte“ von Ing. Reinhard Pfleger, Geschäftsführer Fleckvieh Austria, Fleckvieh Austria Magazin 6/25)

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